Was ist Zeit? Sie wird gern mit einem Fluss verglichen, der von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft fließt. Zukunft könnten wir erträumen, die Vergangenheit jedoch könnten wir entlang der Ufer eines Flusses entdecken – anhand von Zeitzeugen wie Ausgrabungen, Gemälden, Literatur oder Bauwerken.

Gebäude sind sichtbare, fassbare, begehbare Zeugen der Geschichte. Dank ihrer können wir uns auf Zeitreisen begeben, uns etwa in Schlössern oder Kirchen der Vergangenheit erinnern. Sie sind die steinernen Zeugen der Vergangenheit.

Jede Epoche hat ihren eigenen Stil, ihre eigene Mode und das nicht nur in Architektur, sondern auch in Kunst, Literatur oder Kleidung. Jede Epoche vereint in sich die Einflüsse von Vergangenheit und Gegenwart als Ergebnis von Kommunikation und Austausch; natürlich auch von Streit. Flüsse bildeten Handelswege, Waren konnten in andere Länder gelangen, auf Flüssen konnten Menschen zueinander kommen. Boote auf Flüssen werden in der Kunst manchmal gleichgesetzt mit der Lebensfahrt auf dem Fluss der Zeit.

So auch auf dem Gemälde des Dresdner Malers Ludwig Richter Die Überfahrt am Schreckenstein. Wir sehen ein voll besetztes Boot den abendlich beleuchteten Fluss überqueren. Der ganze Reigen der Menschenalter ist vertreten: vom spielenden Kind über die Verliebten bis zum Harfe spielenden Greis. In der Mitte des Bootes steht ein Wanderer auf seinen Stock gestützt, dessen sehnsuchtsvoller Blick hinaufgeht zur Ruine der Burg Schreckenstein. In ihm mögen sie klingen, die alten Feste im Fackelschein, mit edlen Burgfräulein und tapferen Rittern. Der Wanderer erblickt das Sehnsuchtsziel der Romantiker: das Mittelalter. Da hinein projizierten sie die erträumte Einheit von Religion und Kunst und Leben, die sie so schmerzlich in der Gegenwart vermissten, in der die Industrialisierung zunehmend das städtische Leben prägte.

Noch heute können wir die Burg Schreckenstein bei Usti hoch über der Elbe besuchen. Wir könnten von hier aus eine Reise elbabwärts starten, vorbei an den Resten von Industrieanlagen aus dem 19. Jahrhundert, vorbei am Sommerschloss von Pillnitz, Traum des sächsischen Hofes von China und sehnsuchtsvolle Verklärung des hochkultivierten Riesenreiches.

Schließlich würden wir Dresden erreichen. Über der Stadt ragt die Kuppel der Frauenkirche, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts an der Stelle der alten Frauenkirche errichtet wurde. Nach der Zerstörung 1945 stand über vier Jahrzehnte ein Mauerrest über dem Trümmerberg und diente als Mahnmal gegen den Krieg. Die Polen waren wohl gleich nach dem Krieg die ersten, die einen Teil ihrer komplett vernichteten Hauptstadt originalgetreu wiederaufzubauen begannen. Nach 1989 entstand schließlich auch in Dresden der Wunsch des originalgetreuen Wiederaufbaus der Kirche und des umliegenden Quartiers.

Jedem war klar, dass Dresden nicht Warschau ist. Dass die Polen zwar mit dem Wiederaufbau der Warschauer Altstadt an ihre gestohlene Geschichte anzuknüpfen versuchten, aber in Dresden mit dem Wiederaufbau nicht die Spuren der Zeit radiert werden können, die einen Kontinent unter Trümmern begrub. Aber wo, wenn nicht in einer Kirche, soll über Schuld und Vergebung gesprochen werden. Dafür steht in der Frauenkirche das Nagelkreuz auf dem Altartisch und hebt sich deutlich ab von der barocken Pracht.

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