Als grenzenlose dreidimensionale Ebene wird ein Raum aus Objekten und Ereignissen zusammengesetzt, die alle eine relative Position haben. Ähnlich wie bei der Zeit reichen die Diskussionen um Existenz und Natur des Raumes bis in die Vorgeschichte zurück. In der täglichen Praxis bietet er Verbindungen zwischen verschiedenen Kontexten. Während manche von uns mehr Platz benötigen, haben andere vielleicht nur begrenzten Platz. Manchmal müssen wir unserer besseren Hälfte Raum lassen. Man kann sich auf den Parkplatz eines anderen stellen. Obwohl sich Lichtwellen schon immer durch den Weltraum bewegen, können wir uns Weltraumflüge für Jedermann bisher nur erträumen. Nach jedem Satz »Platz frei zu lassen« oder genügend »Platz für zwei Betten« im Zimmer zu haben, verwendet sowohl subjektive als auch objektive Maßeinheiten. Der Gedanke an Raum kann lokal, national, regional, transnational oder global gefasst werden. Raum kann ländlich sein, städtisch, leer, gewöhnlich, aber auch außergewöhnlich sowie öffentlich oder privat. Die eigene Identität bestimmt dabei die Abgrenzung und Wahrnehmung dieser Räume. Somit kann der Raum auch als ein das Ich definierendes Instrument fungieren. Daher ist das Sein, Handeln oder Denken ohne Raum nicht möglich.

Dies ist eine unvermeidliche Komponente des täglichen Lebens, die uns zwingt, bestimmte damit verbundene Annahmen zu überdenken. Kann man Raum als Naturgesetz behandeln? Hat jeder die Möglichkeit, Raum zu besitzen? Wie sind wir an den Punkt gelangt, wo Raum als eine natürlich fragmentierte Entität diskutiert werden kann? Wer hat die Macht, Grenzen zu ziehen? Kann sich ein Raum in der Zeit ändern? Wenn schon die Transformation des Raumes unvermeidlich ist, wie kann eine Gruppe von Menschen den Besitz eines bestimmten Territoriums beanspruchen? Wie kann die Identität einer Gruppe von Menschen mit einem bestimmten Raum assoziiert werden? Wie kann man sich in Bezug auf Raum identifizieren? Oder kann man überhaupt von einem Heimatland sprechen, obwohl die Menschen schon immer mobil waren und Identitäten nicht als vorgegebene Entitäten angesehen werden können (Clifford, 1988: 275)?

Die Geografie lieferte einen umfassenden Ansatz, um die Beziehungen zwischen Raum und Identität zu untersuchen. Insbesondere die Humangeografie, die sich durch räumliche Analyse mit Menschen, ihren Kulturen und Ökonomien auseinandersetzt, unterstrich bis in die 1970er-Jahre den Begriff des Raumes als objektives oder neutrales Element. In diesem Gedankengang ging man davon aus, dass der Raum keine aktive Rolle bei der Gestaltung des sozialen Lebens spielt. Der Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre stellte diese absolute, empirische und physische Raumkonzeption jedoch in Frage. Seiner Meinung nach ist Raum sozial produziert (Lefebvre, 1991). Demnach hat jede Gruppe von Menschen die Fähigkeit, sich durch unterschiedliche Konflikte, Verhandlungen und Interaktionen ihren eigenen Raum zu schaffen. Als Produkt der sozialen Beziehungen hat er eine bestimmende Kraft für die Reproduktion von Reichtum und Mehrwert. Er ist ein produziertes Instrument, das sich auf unser Denken und Handeln auswirkt. So ist der Raum ein effizienter Mechanismus der Kontrolle, Herrschaft und Macht (Lefebvre, 1991: 26). Die Verbindung zwischen einer Personengruppe, die bestimmte kulturelle Merkmale teilt, mit einem bestimmten Gebiet dürfen aber nicht als selbstverständlich angesehen werden. Denn auch die Verbindung zwischen Staatsbürgern und ihren Territorien war und ist niemals naturgegeben, sondern menschengemacht (Gupta/Ferguson, 1992: 11).

Raum als Analyseeinheit kontextualisiert die Bildung eines Ichs, Wirs und Anderen, doch diese Identität lässt sich jedoch nicht alleine durch einen bestimmten Raum definieren, denn als Zeitintervall gedacht ist der Raum ein soziales Produkt und ein entscheidender Produzent alltäglicher Vorgänge. Raum stellte nie ein neutrales Raster in Bezug auf kulturelle Unterschiede, Erinnerung und gesellschaftliche Organisation dar. Raum war nie frei von Hierarchien; im Gegenteil, er war schon immer eine Bühne für Herrschaft und Widerstand. Obwohl man diverse Abweichungen zwischen Räumen hervorheben kann, bieten sie ein komplexes Netzwerk von Machtbeziehungen, die ihnen mehr Übereinstimmungen als Einzigartigkeit ermöglichen. In diesen gesellschaftlichen Geflechten gibt es keine Beziehungen zwischen dem Ich, Wir und Anderen, die sich gegenseitig einschränken oder überlagern könnten. Diese letztlich von Menschen erzeugten Räume schlagen sich in zahlreichen historischen Texten nieder, in welchen verschiedene Auffassungen von Raumkonstellationen verfasst, gelöscht, neu verfasst und gleichzeitig praktiziert wurden.

Schinkelwache, Dresden
Arabischer Himmelsglobus
Józef Ignacy Kraszewski
Katharinenaltar
Zwinger Dresden
Carl Friedrich Schinkel
Canaletto, Elbufer Dresden
Erdglobus
Altarbild Annenkirche Dresden
Radmantel
Erich Heckel, Atelierszene
Richard Wagner, Mamorbüste