Schon indem wir den behüteten Raum verlassen, den ersten Schritt über die Schwelle des Hauses wagen, die Grenzen des Heimatortes überschreiten, sind wir darauf gefasst, Neues zu entdecken, den Horizont zu erweitern. Wenn einer eine Reise tut ... Aber in Vergangenheit und Gegenwart waren und sind die Aufbrüche der Menschen nicht immer mit der Idee einer Reise verbunden gewesen. Menschen müssen ihre Siedlungen verlassen, um Nahrung und Wasser zu finden, um vor Naturkatastrophen oder Kriegen zu fliehen. Für diese Ortswechsel in der Not wird man nicht das Wort Reise gebrauchen können, so wie auch Flüchtenden nicht der Sinn nach Landschafts- und Kunstbetrachtung steht.

Die ersten Reisenden in unserem heutigen Verständnis werden Wallfahrer gewesen sein, unterwegs zu den heiligen Orten, die es in verschiedenen Religionen gibt. Interessanterweise bieten alle Religionen den Gläubigen Erlösung an, wenn sie sich auf Pilgerfahrt begeben. Schon im alten Ägypten und in der Antike pilgerte man zu Tempeln. Die Kunstgegenstände in den Tempeln indes waren vielmehr Instrumentarien der Gottesverehrung, als dass sie der Kunstbetrachtung dienten. Christen machten sich auf zu Wallfahrtsorten – Kirchen, die Heiligenreliquien aufbewahrten – so beispielsweise der Heilige Rock in Trier oder die Gebeine der Heiligen Drei Könige in Köln.

Aber auch im nichtreligiösen Umfeld entstand der Wunsch zu reisen: zu Fuß, zu Pferd, mit der Kutsche. Die Schifffahrt eröffnete den Reisenden die Möglichkeit, ferne Länder zu erreichen, dort Handelswaren zu erwerben und mit exotischen Produkten zurückzukehren. Die Erzählungen der heimkehrenden Reisenden würden wir heute Wissenstransfer nennen. Die mitgebrachten Gegenstände aus fernen Ländern waren begehrte Sammelobjekte der Herrscher. Sie bewahrten sie in Kunstkammern auf und konnten sich somit Wissen über fremde Regionen aneignen, ohne selbst nach Asien, Afrika oder Amerika zu reisen.

Im 16. Jahrhundert begann der Brauch, adlige Söhne in ihrer Jugendzeit auf Reisen durch Europa zu schicken. Diese sogenannte Grand Tour führte sie über mehrere Monate oder gar Jahre durch Europa. So hatten die jungen Reisenden Gelegenheit, die Kunst fremder Länder zu bestaunen oder gar zu erwerben und sie in ihre Heimat mitzubringen. Eines der beliebtesten Reiseziele war Italien. Auch Künstler reisten mit Vorliebe in das Land der Antike und ließen sich von der Idee einer Wiedergeburt der antiken Kunst inspirieren, die sie schließlich mit nach Hause brachten. Einer dieser Reisenden auf den Pfaden der Wiedergeburt war Albrecht Dürer. Später ließen sich viele europäische Künstler an ihrem Sehnsuchtsort nieder, der ewigen Stadt Rom.

Auch das Bürgertum entdeckte seine Reisesehnsucht. Einer der berühmtesten Italienreisenden war Johann Wolfgang von Goethe, der anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen 40 Jahre später seine Italienische Reise herausgab. Auch er war auf der Suche nach den Zeugnissen der Antike – nun schon in der Kunstepoche nach Dürer – im Klassizismus. Folgende Worte sollen als Beispiel für seine Begeisterung stehen: »Alle Träume meiner Jugend seh’ ich nun lebendig; die ersten Kupferbilder, deren ich mich erinnere (mein Vater hatte die Prospekte von Rom auf einem Vorsaale aufgehängt), seh’ ich nun in Wahrheit, und alles, was ich in Gemälden und Zeichnungen, Kupfern und Holzschnitten, in Gips und Kork schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir.« (Rom, 1. November 1786, Goethe: Italienische Reise). Neben schriftlichen Eintragungen hielt Goethe seine Eindrücke in Zeichnungen fest. Goethes Reise begann als Flucht aus den Weimarer Verhältnissen und Pflichten, führte von Karlsbad über den Brennerpass und einem längeren Aufenthalt in Venedig nach Rom. Insgesamt blieb er etwa zwei Jahre in Italien. In Rom wohnte Goethe bei dem Freund und Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Tischbein fertigte in der Zeit des Rom-Aufenthaltes des Dichterfürsten eines der berühmtesten Goethe-Porträts Goethe in der italienischen Campagna. Tischbein inszenierte ihn halb sitzend, halb liegend in einer idealen italienischen Landschaft zwischen Antike und Gegenwart.

Zwar erreichen wir heute in kürzester Zeit beinahe jeden Ort der Erde. Dafür sind die Aufenthalte nur von kurzer Dauer. Wer hat schon Zeit für einen Winter in Venedig? Zwei Tage Rom mit Halbpension, Vatikan und Petersdom mit Online-Ticket, dann rasch Kolosseum, Engelsburg, Forum Romanum, wie die geposteten Fotos beweisen. Wer sich auf Reisen einmal ein paar Stunden Zeit genommen hat, an einem Ort zu verweilen und statt der üblichen Fotos einige Skizzen anzufertigen, weiß, wie intensiv man sich entdeckend fremden Orten nähern kann. Nicht ausgeschlossen, dass zeitgenössische Kunstprojekte sich aber auch gerade mit der Globalität, Vernetzung und Flüchtigkeit von Informationen auseinandersetzen. Für einen wirklichen Austausch, dauerhafte, tiefe Eindrücke und herzliche Begegnungen jedoch muss man sich schon selbst auf den Weg machen.

Büste Johann Joachim Winckelmann
Ida von Lüttichau
Dresdner Damaskuszimmer
Der Empfang des sächsischen Kurprinzen Friedrich August, des späteren Königs August III. von Polen, bei König Ludwig XIV. von Frankreich in Fontainebleau, am 27. September 1714
Gefäß aus einer Seychellennuss
Entwurf zum Goethe-undSchiller-Denkmal in Weimar
Max Slevogt
Sogenannte Gruppe von San Ildefonso
Sandsturm in der libyschen Wüste
Die Sixtinische Madonna
Sonnengold
Wagenwegmesser