In der heutigen Welt ist das Konzept der Krise meist mit einem Ereignis verbunden, das Unsicherheit, Instabilität oder eine Bedrohung für die gegenwärtigen Lebensbedingungen mit sich bringt. Bezogen auf den Alltag kann Krise auf psychologische, politische, rechtliche, wirtschaftliche, kulturelle, ökologische und medizinische Belange zutreffen. Krisenmomente und ihre Auswirkungen, die sich beide nicht immer in ihrer Dauer vorhersagen lassen, können potenziell die Beziehungen zwischen dem Ich, Wir und den Anderen verändern.

Wie und wann entstehen Krisen? Müssen wir alle eine Art von Krise durchleben? Wer kann Krise definieren? Und wie definieren wir eine Krise? Kann das objektiv geschehen? Was sind die schlimmsten Arten von Krisen? Wer ist verantwortlich für die Entstehung und Entwicklung von Krisen? Haben alle Krisen ähnliche Auswirkungen auf den Einzelnen, die Gesellschaft, die gebaute Umwelt und die Natur? Haben Krisen immer eine negative Konnotation? Kann jemand von irgendeiner Art von Krise profitieren? Haben die sozial schwachen Gruppen der Gesellschaft am meisten unter Krisen zu leiden? Wie lange dauert eine Krise? Wiederholen sich Krisen regelmäßig? Können Krisen zum Dauerzustand werden? Ist es möglich, eine Krise vorherzusehen? Inwieweit kann ein Einzelner, eine Gesellschaft, ein bestimmter Ort oder die ganze Welt mit einer Krise umgehen? Was lernen wir aus Krisen? Ist es möglich, ohne Krisen zu leben? Oder sind Krisen notwendig für die Restrukturierung von Machtverhältnissen in der Gesellschaft und der Welt? Erinnern wir uns an alle Krisen, die die Welt je durchgemacht hat? Kann jemand eine Krise vergessen? Unter welchen Bedingungen kann eine Krise an einem bestimmten Ort Auswirkungen auf die ganze Welt haben? Angesichts dieses herausfordernden Fragenkatalogs sollen kurz einige Aspekte von Krise in der Produktion und Reproduktion von Beziehungen zwischen dem Ich, Wir und den Anderen vorgestellt werden, mit deren Hilfe die Objekte der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden aus einer unkonventionellen Perspektive interpretiert werden können.

Eine der umfassendsten Analysen stammt von dem Historiker Reinhart Koselleck (1959, 2003, [1982] 2006). In seinen Studien beschäftigt er sich mit einer Geschichte der Krise und stellt mehrere semantische Modelle dieses Konzepts vor. Ihm zufolge leitet es sich vom griechischen Verb krinein ab: trennen, auswählen, richten, entscheiden und kämpfen (2006, 358). Dieser griechische Begriff nimmt in der politischen Sphäre eine zentrale Stellung ein; er wurde in Schlachten benutzt, um nicht nur den Streit, sondern auch dessen Ergebnis zu unterstreichen. Im rechtlichen Zusammenhang unterstrich er ein Urteil und damit auch die Bereiche subjektive Kritik und objektive Krise (ebd., 359). Darauf aufbauend wurde seine Bedeutung auf Entscheidungen über Krieg und Frieden, Wahlen und Regierungsbeschlüsse ausgeweitet. Das Konzept der Krise schafft daher ein Gleichgewicht zwischen Gerechtigkeit und politischer Ordnung. Zweitens bedeutet die Krise im theologischen Zusammenhang das Gottesgericht, das die wahre Gerechtigkeit bringen würde und Einfluss auf alle hat, die in diesem Gewissen leben (ebd., 359–360). Als kosmisches Ereignis bot die Krise die Grundlage für ewiges Leben. Drittens bezog sich die Krise auf dem Gebiet der Medizin auf Krankheitsphasen und die dementsprechend getroffenen Entscheidungen (ebd., 360). Anders ausgedrückt, es ging um den entscheidenden Moment, an dem sich feststellen ließ, ob ein Patient leben würde oder nicht.

Aus historischer Perspektive betont Koselleck also, dass der Begriff der Krise die Elemente Zeit, Bewusstsein für Unsicherheit und Verpflichtung zur Zukunftsvorhersage beinhaltet (2003, 14–15). Auf Grund von Beispielen zur Krisengeschichte von der Antike bis zum 19. Jahrhundert schlägt Koselleck drei semantische Krisenmodelle vor (ebd., 16). Erstens: Um die Vorstellung von nur einer Form des Fortschritts in Frage zu stellen, sollte Geschichte als kontinuierliche Krise betrachtet werden. Zweitens: Nach einer Krise strukturiert sich die Ordnung entsprechend den neuen Bedingungen um und die Krise verweist auf den Ablauf einer Periode. Drittens: Das Konzept von Krise ist zukunftsorientiert und konzentriert sich auf eine endgültige Konfliktlösung. Als Ergebnis lässt sich auf der Basis von Kosellecks historischer Analyse darauf hinweisen, dass jeder das Produkt irgendeiner Art von Krise ist und dass Krisen die Beziehungen zwischen dem Ich, Wir und den Anderen auf endlose Weise reproduzieren.

In einem breiteren Zusammenhang gesehen ist die Krise ein unvermeidbarer Teil des menschlichen Lebens und der Beziehungen zwischen dem Ich, Wir und den Anderen. In Bezug auf Zeit, Ungewissheit und zukünftige Entwicklungen bietet das Konzept der Krise (einschließlich der doppelten Bedeutung als Gefahr und Chance) unendliche Möglichkeiten, den normalen Verlauf von Ereignissen, Machtmechanismen und die Position jedes Einzelnen bis zur nächsten Entscheidung für Veränderungen neu zu definieren. Wie Bauman (2014, 11) betont, »ist die Krise eine Zeit der Entscheidung, welche Vorgehensweise man befolgen sollte, aber im Arsenal der menschlichen Erfahrung scheint es keine vertrauenswürdigen Strategien zu geben, aus denen man auswählen kann«.

Bildnis Krell Nikolaus (der enthauptete Kopf)
Gret Palucca
Das Grubengas, Constantin Meunier
Das Warten, Käthe kollwitz
Der Krieg, Otto Dix
Deutschland wird deutscher, Katharina Sieverding
Dreieckige Erhebungen in Rotbraun, Blau und Ocker vor Gelb, Hermann Glöckner
Frau mit Kind, Otto Dix
Nikolaus Krell
Geistliche Chormusik, Heinrich Schütz
Plünderung eines calvinistischen Hauses (Weinhausisches Haus) während der Unruhen  am 19. und 20. Mai 1593
Die Synagoge in Dresden, Bernhard Kretzschmer
Vereist, Ralf Kerbach